GESUNDHEIT! WIDER DEN INNEREN SCHWEINEHUND -Straubing-Bogen 

              Palästina-Reise Oktober/November 2017

 

 

 Traumahilfe dort, wo der Pfeffer wächst!

                                               Sechs Tage, die unsere Welt veränderten…  



We Challenge The Present To Shape The Future - das Leitmotiv über dem Eingangstor der Al Nadjah National University könnte problemlos auch auf die Aufgaben der Kinderpsychotherapie in Deutschland übertragen werden. Oder nach Kurt Tucholsky: „Leben wird rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt“. Die ganze Geschichte beginnt ursprünglich während einer Veranstaltung der Bundepsychotherapeutenkammer zur Versorgung von Flüchtlingen im September 2015. Einige Pilotprojekte wurden vorgestellt, aber wie schon so oft, die Kinder hatte wieder niemand im Fokus. Doch die Zahlen benötigen keinen großen Kommentar: 600.000 Flüchtende unter 21 Jahren (konservative Schätzung) mit zu erwartenden 150.000 potentiellen Patienten mit Trauma-Folgestörungen sprengen alle Grenzen. Jeder von uns müsste 40 diagnostizieren und therapieren – und das ganze am besten in den nächsten zwei Jahren. Pro Kassensitz wären das 1200 Stunden – ein ganzes Arbeitsjahr reserviert nur für diese Patientengruppe. Ein neuer Plan ist da vonnöten. Basierend auf dem, was es zu diesem Zeitpunkt an wissenschaftlich gut untermauerter Erfahrung gab (Gruppenansatz, Zielsetzung ohne Dolmetscher auszukommen, NET, Sandspiel, EMDR, Stabilisierungstechniken, Eltern- oder Laienunterstützung), kreierten wir zwei Programme (SPRINTS und PRTNERS). SPRINTS (= sandplay reprocessing integrating nonverbal trauma-interventions and selfstabilization) ist mittlerweile in der von uns entwickelten Form im Rahmen einer offenen Feldstudie über die erste Jahreskatamnese stabil wirksam. In der Zwischenzeit wird unser Angebot in weiteren Bundesländern beziehungsweise Regionen in Deutschland umgesetzt. Besonders weit sind hierbei Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Hamburg und Baden-Württemberg sind gerade dabei sich anzuschließen. Und wir selbst konnten am letzten Oktoberwochenende in der Stadt Weil am Rhein den 1000. TraumaHelfer, der nach unserem Konzept qualifiziert wurde, zertifizieren. Deshalb kamen wir dem Wunsch, unser Konzept an Orten der Welt, an denen die Not der Kinder und Jugendlichen besonders groß ist, im Rahmen von zwei humanitären Einsätzen auf den Weg zu bringen, nach.


Reisebericht von Prof. Thomas Loew und Beate Leinberger

 

29. Oktober:

Das Abenteuer beginnt: Überraschenderweise hat sich in den letzten sechs Jahren nichts verändert. Die Abfertigung der Flüge nach Tel Aviv erfolgt weiterhin am ungünstigsten Ort des Münchner Flughafens. Natürlich gibt es nach der Sicherheitskontrolle erst einmal einen Bustransfer und so mancher Israeli im hohen Alter wird hierbei unweigerlich in dem einen oder anderen Kontext an „Transfers“ in seiner Jugendzeit erinnert. Angekommen in der Wartezone, gibt es an diesem Münchner Morgen nicht einmal einen Kaffee für die Reisenden. Na ja, die Deutschen müssen aus ihrer Geschichte noch lernen. Und es sollte nicht die einzige Kontrolle sein, die uns auf dieser Reise an alte Gepflogenheiten auf deutschem Boden erinnern wird. Der erste Tag: nachdem unser Fahrer uns pünktlich abgeholt hat, machen wir uns auf den Weg ins Westjordanland. Die biblische Landschaft erscheint uns wie gemalt: die Siedlungen auf den Hügeln, dazwischen immer wieder Olivenhaine und das Ganze ummantelt aus einer Mischung aus Nordamerika - aber mit Bushaltestellen - und einer unglaublichen, für die Israelis jedoch normalen Arbeitstag-Rushhour. Die Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten ist nicht zu übersehen, wobei die Situation sehr einem Grenzübertritt von Texas nach Mexiko gleicht – aus geordneten Verhältnissen wird das gefühlte Chaos mit illegalen Wohnungsbau, mangelnder Infrastruktur und sich auf den Straßen tummelnder Menschen jeglichen Alters. Arabien zieht uns in seinen Bann. Unser erstes Treffen mit den lokalen Organisatoren findet in freundlicher Atmosphäre statt. Wir können kaum glauben, dass diese so typisch arabisch lässig wirkenden Herren den Lehrkörper im Fachbereich Psychologie an der National University repräsentieren. Wir sprechen kurz über die nächsten Tage, legen unsere Wünsche dar und erklären, dass das Screening der Kinder, also der ersten Gruppe, die wir behandeln lassen wollen, auch stattgefunden hat - was mit dem typischen „Inschallah“ kommentiert wird.

 

Der erste Tag:

Wir werden rechtzeitig abgeholt und sind schnell in den älteren Gebäuden der hiesigen Universität, die eine vergleichbare Größe zur Regensburger Universität aufweist und in einer Stadt liegt, die etwa genauso groß ist wie Regensburg, in der sich jedoch noch ein Flüchtlingscamp mit über 40.000 Bewohnern befindet. Aus diesem riesigen Flüchtlingscamp soll dann auch eine Gruppe von Kindern ausgesucht und vorgestellt werden. Der Universitätscampus macht insgesamt einen sehr gepflegten Eindruck: neue Gebäudefassaden, eine moderne arabische Architektur et cetera. Der Nationalstolz ist an allen Ecken nicht nur spürbar, sondern tatsächlich auch sichtbar. Im Universitätsgebäude sieht es jedoch dann ganz anders aus. Das Auditorium, das uns zur Verfügung gestellt wird, dient normalerweise als Aufenthaltsraum für die Studenten, und der Videoprojektor („Beamer“) kämpft mühsam gegen die Helligkeit in dem großen Raum an. Langsam beginnt sich der Raum zu füllen und aus den 80 angekündigten Teilnehmern werden schließlich 96, so dass der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Die hohen Erwartungen der Handvoll anwesenden Ärzte, einiger Medizin- und Psychologiestudenten, ein paar Lehrern sowie Vertretern der UN-Arbeitsgruppen, die vor dem Flüchtlingslager tätig sind an unseren Vortrag sind spürbar. Sehr schnell bemerken wir, dass es, trotz anderweitiger Zusicherung, tatsächlich notwendig ist Satz für Satz ins Arabische übersetzen zu lassen. Neben Adham, unserem palästinensischen Doktoranden aus Regensburg, der das ganze Projekt hier vor Ort eingefädelt hat, stehen uns noch drei weitere Übersetzer zur Verfügung, die sich je nach Inhalt des Vortrages die Arbeit teilen. Mittlerweile sind wir bezüglich dem Ablauf der Vorlesungen ziemlich routiniert und die englischen Vorlesungen laufen nun wie von selbst. Auch hier sind die Teilnehmer von den Videos zur „Mutter-Kind Interaktion“ oder den methodischen Hintergründen sichtlich beeindruckt. Es erweist sich als sehr vorteilhaft, dass wir die gesamte Veranstaltung filmisch dokumentieren und das Material vor Ort auch weiter zur Verfügung stellen werden. Der abschließende Abend beginnt abenteuerlich, denn das große Tor der Universität, das von Sicherheitskräften kontrolliert wird, ist verschlossen und… kein Wachmann ist weit und breit in Sicht. Eine weitere halbe Stunde vergeht, in der es unserem palästinensischen Doktoranden nicht möglich ist, die Heimfahrt in sein etwa 20 Kilometer entferntes Heimatdorf anzutreten. Doch plötzlich taucht doch noch ein verlegener Wachmann auf und ermöglicht uns schließlich die Ausfahrt. Bei so viel Orient auf einmal haben wir ein wenig Abwechslung nötig und entscheiden uns letztendlich für ein „typisch arabisches“ Gericht - Pizza bei Domino's ;). Und natürlich immer alles alkoholfrei. Völlig unabhängig davon in welchem Restaurant beziehungsweise Essenslokalität man sich befindet - ob Subway, oder zum Mittagessen, traditionell oder westlich – überall wird außerdem die Shisha angeboten und das wird auch genützt (von circa 20 Prozent der Gäste). Da es gefühlt sehr schnell dunkel wird, ist der Abend auch nicht lang.

 

Der zweite Tag:

Wir werden von zwei jungen Frauen abgeholt, die beide Niqab tragen, gutes English sprechen und uns souverän durch den morgendlichen Verkehrsstau kutschieren. Hin- und wieder wird kurz ein Seitenspiegel eines anderen Autos touchiert, aber was soll‘s… Am zweiten Tag starten wir sogleich mit den Kindern, die alle hier aus dem großen Flüchtlingscamp stammen. Unsere palästinensischen TraumaHelfer müssen aber noch ihre Hausaufgaben nacharbeiten, denn die Diagnostik war noch nicht vollständig (DAS, UCLA-Child-traumatic stress inventory, DSRS und CRIES8 müssen noch abgearbeitet werden). Zunächst fehlen noch zwei Sandkästen, aber zwei Pappkartons sind schnell organisiert, und statt zehn Kindern kommen zwölf Kinder zwischen 8 und 12 Jahre alt. Danach teilen sich die Teilnehmer wieder in zwei Gruppen auf: Prof. Loew intensiviert die Selbst- Stabilisierungstechniken und führt zur Selbstregulation der TraumaHelfer die Funktionelle Entspannung erstmalig im Nahen Osten ein. Bei Beate Leinberger entwickelt jeder Teilnehmer seine Life-Line, im zweiten Schritt die Trauma-Landschaft und den „sicheren Ort“, den auch die Teilnehmer in Palästina zeichnen. Nach dem Wechsel werden zum Abschluss im Plenum eine Life-Line-Arbeit und die Trauma-Bearbeitung mittels EMDR demonstriert. Nach getaner Arbeit geht es in ein typisches Lokal und Pläne, wie die weitere Zusammenarbeit aussehen könnte, werden geschmiedet. Der Institutsleiter präferiert hierbei das Angebot eines Masterstudienganges, der unter der Überschrift „Kunst-Therapie“ laufen soll.

 

Der dritte Tag:

Nach einer kurzen Nacht und einem Frühstücksangebot, dass, wie wir nun bereits an verschiedenen Orten der Welt kennengelernt haben, von sehr süß bis sauer reicht (kurz: man kann schon am Morgen alles essen, was es auch den Tag hindurch geben könnte), holte uns der Fahrer mit einer etwa 30 minütigen Verspätung ab. Nablus ist etwa so groß wie Regensburg - entsprechend der Einwohnerzahl, jedoch auf viel weniger Fläche verteilt. Die Stadt liegt zwischen zwei steilen Hügeln (der Höhenunterschied im Ort beträgt circa 300 Meter) und die Häuser sind zum Teil atemberaubend steil in den Berghang hineingebaut. Die Nationale Universität Al Nadjah, deren Präsidenten wir am ersten Tag für eine halbe Stunde getroffen haben, ist etwa so groß wie die Regensburger Universität und bietet elf verschiedene Fakultäten auf zwei Campi. Auf dem Weg aus der Stadt heraus über maximal zweispurige, ziemlich verstopfte Straßen fahren wir daran vorbei. Morgens um 8.00 Uhr strömen Studenten und Schüler zu ihren Zielen. Bei wenig Verkehr geht es dann über das Land und hierbei des Öfteren durch hügelige Olivenhaine, denn der Exportartikel Nummer eins der Region sind Oliven. Ein in der Tat pittoreskes Bild, welches sich uns bietet, nur unterbrochen durch wenige Siedlungen der Israelis, die sich vom Ortsbild sehr absetzen, wirken doch die mit Satteldächern ausgestatteten Häuser der Siedlungen wie westeuropäische Neubauviertel mit Einfamilienhäusern. Israelisches Militär sehen wir hingegen nicht, genauso wenig wie in den letzten Tagen israelische Polizei. Nach etwa einer Stunde erreichen wir den ersten Checkpoint, wo wir mit versteinerten Mienen empfangen werden und unser VW-Bus nach Sprengstoff - im wahrsten Sinn des Wortes - durchschnüffelt wird. Schnell erreichen wir danach die Autobahn, wo wir die übliche Rushhour erleben. Interessant hierbei ist, dass die meisten Autos jedoch lediglich mit einer Person besetzt sind. Wir umfahren Tel Aviv und erreichen über menschenleere Straßen bei sonnigen 26 Grad, - vorbei an einer etwa fünf Kilometer vor dem Grenzübergang Erez liegenden weiteren Polizeikontrolle, bei der wir gefragt werden, ob wir zum Fotografieren gekommen sind (gleich wird uns der Sinn der Frage verständlich) -, schließlich bei Erez einen fast menschenleeren Terminal (das Bild gleicht einem Flughafen).Lediglich ein einsames internationales Fernsehteam hat ihr Equipment hier aufgebaut. Wir ahnen schon, irgendetwas ist heute anders. Schließlich klärt uns ein Reporter auf: es sei ein historischer Tag heute, weil die Kontrolle über die Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen von den Ägyptern auf die lokalen Polizeikräfte in Gaza übertragen wird und die Frage war, wie die bewaffneten Teile der Hamas reagieren würden. Anscheinend haben sie sich zurückgezogen, also die Anweisungen der Verwaltung in Gaza-Stadt eingehalten. Vor laufender Kamera werden wir gefragt, woher wir kommen, was wir im Gazastreifen machen und ob wir Angst haben, gerade weil es auch in den letzten Tagen wieder Tote gegeben hat. Unsere Antwort war ein klares Nein. Wir fühlen uns sicher und ergänzen, wir sind in Europa an Grenzen gewöhnt, schließlich haben wir auch in Deutschland circa 30 Jahre mit einer schwerbewachten, schier unüberwindlichen Grenze leben müssen. Und tatsächlich erinnert die Anlage mit allen Elementen (zum Beispiel mehrmalige Kontrolle ein und desselben Passes) an alte Grenzübergänge der DDR - diesmal gab es aber freundliche Gesichter. Nach einem circa einen Kilometer langen mit Gittern abgeschlossenen Gang, den wir mit Hilfe eines Motorrad-Transfers abkürzten (der Preis hierfür: 20 Schekel), kommen wir in Gaza-Stadt an. Während der Stunde, die wir für den Grenzübertritt benötigten, sahen wir drei weitere Personen, die in dieselbe Richtung reisten (es waren junge Leute mit Rucksäcken). Tatsächlich kann man diese Grenze nur dann legal übertreten, wenn man einen Grund hierfür vorweisen kann, zum Beispiel eine Einladung – so wie wir- oder wenn man für eine der vielen hier anwesenden Hilfsorganisationen tätig ist (etwa UNICEF). Tourismus hingegen ist nicht möglich. An einem Parkplatz in Gaza-Stadt erwarteten uns viele Fernsehteams. Die Aufregung war spürbar, denn der Grenzübertritt war auf Seiten der Palästinenser noch nicht organisiert. Unser Fahrer wurde am Grenzübergang nach einem weiteren gefühlten Kilometer einfach „durchgewunken“ – denn man kennt sich untereinander. Jetzt sind wir also endlich in dem am dichtesten besiedelten Landstrich der Erde angekommen (4000 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer). Zustande kam der Kontakt über einen palästinensischen Doktoranden, der das Projekt mit den syrischen Kindern in Regensburg mitbetreut. Unterstützt wurde das Projekt durch PalMed, eine Deutsch-Palästinensische Ärzteorganisation sowie dem Palestine Children Relief Found (PCRF), eine bei der UNO akkreditierte US-amerikanische NGO (Non-Governmental Organization), die seit 40 Jahren dafür sorgen, dass Kindern aus den besetzten Palästinensergebieten zum Bespiel Operationen, die dort nicht durchgeführt werden können, im Ausland ermöglicht werden, und konnten so bisher etwa 1000 kleinen Patienten helfen. Schließlich erreichen wir nach einer circa 20 minütigen Autofahrt den hiesigen Campus der neuen Medical School an der islamischen Universität, an der wir unseren Kurs für 80 Teilnehmer, vornehmlich Medizin- und Psychologiestudenten, durchführen werden. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Dekan und einigen Dozenten, von denen viele Deutsch sprechen, weil sie bei uns studiert haben sowie einer kurzen Führung durch die Unterrichtsräume geht es dann los. Uns steht einer von drei schönen, technisch gut ausgestatteten Hörsälen zur Verfügung. Normalerweise steht dieser einem Studienjahrgang aus circa 45 Studenten zur Verfügung. In diesem sitzen dann die männlichen Studenten links, die weiblichen Studenten rechts und die Professoren zunächst in der ersten Reihe. Wir starten nun mit unserem üblichen Programm: Einführung in den Kriegsschauplatz Gehirn, Symptomatik, Diagnostik – alles nun nur noch auf Englisch, da die Sprachkenntnisse der Anwesenden anscheinend gut sind. Kluge, interessierte Zwischenfragen, besonders von den weiblichen Studenten, aber auch von den Lehrkräften, beeindrucken uns. Von großer Bedeutung ist den Anwesenden eine pünktliche Mittagspause - auch zur Verrichtung der Gebete, für die sie sich auf den Gängen und in den Büroräumen verteilen. Am Nachmittag geht es dann, wie gewohnt, weiter, das heißt die Anwesenden werden in zwei Gruppen ein- und auf zwei Räume aufgeteilt. Theorie und Selbsterfahrung im Sandspiel, parallel dazu verläuft die Unterweisung in die Stabilisierungstechniken – jetzt jedoch zum Teil in sequentieller Übersetzung.

Der anschließende Abend wird dann ebenfalls sehr aufschlussreich. Nach einem Abendessen bei dem der frische Fisch aus Tanks kam, weil das küstennahe Meer zu verschmutzt ist, besuchen wir ein Flüchtlingscamp und können uns ein Bild von der dortigen desolaten Lebenssituation machen. Schnell sind wir von mindestens 50 Kindern und Jugendlichen umringt. Alle sind sehr freundlich und auskunftswillig und dass bei einer Arbeitslosigkeit von 40 Prozent. Hierbei bekommen wir mit, dass es auch andere Gruppen gibt die Angebote bezüglich Kinder-Traumatherapie machen, zum Beispiel die Psychodramatiker, die ebenfalls hier Schulungen und damit auch eine Art „Multiplikatoren- Modell“ anbieten. Unklar ist uns hierbei jedoch, wie diese Programme evaluiert werden. Hierzu bieten wir unsere Hilfe an und unser Angebot wird auch dankend angenommen.

 

Der vierte Tag:

Heute sind wir auf dem Hauptgelände der Islamischen Universität, da die Kinder uns dort vom Flüchtlingscamp aus leichter erreichen können. Es ist Donnerstag – bei uns wie ein gefühlter Samstag und die Studenten haben vorlesungsfrei. In der Universität ist es daher ruhig, nur unsere Teilnehmer sind da. Wir setzen heute die Gruppenarbeit fort, wobei die Gruppeneinteilung diesmal einfach war: es wurde nach Geschlecht sortiert. Nach Life-Line und EMDR respektive Stabilisierungstechniken und Funktionelle Entspannung (die Premiere im Gazastreifen) erhalten wir eine Führung über den Campus und sehen hierbei auch die Einrichtungen der neurologisch-orthopädischen Rehabilitation, die sehr inklusionsorientiert und dabei gleichzeitig auch produktiv ist. Die Objekte, die im Rahmen

der Arbeitstherapie im Team von Behinderten erzeugt werden, zeugen von höchster Qualität, können aber leider nicht leicht exportiert werden. Nach einem schnellen Mittagessen aus der Schachtel - so etwas gibt es auch in Arabien – widmen wir uns wieder den Kindern. Diesmal sind sie jedoch bereits diagnostiziert und es sind auch mehr als wir erwartet hatten: 22 an der Zahl. Nach unserem Kurs, den wir pünktlich beenden, werden uns dann noch die Sehenswürdigkeiten von Gaza-Stadt gezeigt. Bei dem anschließen Abendessen in einem Restaurant, das sich auch in Izmir oder Tunis befinden könnte, erfahren wir dann noch so einiges zur Lebenssituation der Bevölkerung im Gazastreifen. Die Gespräche dabei werden zunehmend sehr persönlich. Wir erfahren unter anderem, dass es den im Gazastreifen lebenden Palästinenser praktisch untersagt ist zu reisen. Hinzukommt, dass 60 Prozent der Bewohner des Gazastreifens unter 18 Jahren sind: hier werden also – salopp ausgedrückt - Kinder eingesperrt, die auch alle mit den schlimmsten Belastungen konfrontiert wurden und werden. Die letzte Intifada etwa – ein anderes Wort für Aufstand – fand 2011 statt, verbunden mit Bombenangriffen, Häusersprengungen und überschallschnelle Düsenjets im Tiefflug über dicht bewohntes Gebiet - mit allen Folgen für die Bevölkerung. Von der generell vorherrschenden desaströsen wirtschaftlichen Situation, den willkürlichen Stromabschaltungen sowie eines wunderschönen, aber mit Fäkalien belasteten küstennahen Gewässer, welches daher zum Baden und für die Versorgung mit Frischfisch ungeeignet ist, ganz zu schweigen. Außerdem ist der Küstenabschnitt vor dem Gazastreifen „Aufmarsch- Gebiet“ für israelische Schnellboote, die die Küste „schützen“ sollen. So schlimm die Situation auch zu sein scheint, der Vorteil dieser Strukturen oder „Nicht-Strukturen“ ist, dass Ideen, wenn sie von den Betroffenen für gut und sinnvoll empfunden werden, unbürokratisch und schnell umgesetzt werden können. Daher kann so einiges, was bei uns in Deutschland schlichtweg an den vielen bürokratischen Hürden scheitert, wie zum Beispiel ein flächendeckendes Screening, um den Bedarf an Therapie zu vermitteln – etwas, was wir jetzt nach langem Mühen auch in Teilen von Hamburg haben realisieren können -, ganz schnell auf den Weg gebracht werden. Anwesend bei diesem sehr interessanten und aufschlussreichen Abendessen ist übrigens auch der ehemalige Gesundheitsminister des Gazastreifens, der im Rahmen der Neustrukturierung der Regierung Palästinas nun in dieser Region eine nachgeordnete, aber dennoch einflussreiche Position einnimmt. Auch er spricht fließend deutsch.

 

Der fünfte Tag:

Gemütlich geht es nun zurück nach Palästina. Das nächste Reiseziel ist Ramallah, wo wir Adham, unseren Regensburger Doktoranden, wieder treffen. Er selbst darf weder nach Israel einreisen, geschweige denn in den Gazastreifen. Auch bei der Kontrolle unseres Gepäcks lassen sich die Israelis wieder Zeit, bis wir nach über eine Stunde unsere durchwühlten Koffer offen wieder zurückbekommen. Anscheinend hat sie jedes einzelne Blatt Papier interessiert, denn wir haben auch die Screening und Diagnostik-Bögen aus Gaza-Stadt und Nablus im Gepäck. Sie fragen uns sehr detailliert, warum wir im Gazastreifen waren. Wir haben aber auch schon unfreundlichere Kontrollen

erlebt. Es ist sehr schade, dass die Wehrpflichtigen in Israel – junge Frauen müssen zwei Jahre Militärdienst absolvieren, junge Männer drei Jahre - angewiesen werden, keine persönlichen Beziehung zu den zu Kontrollierenden aufzubauen. Lächeln etwa scheint verboten und viele von ihnen scheinen sehr genervt zu sein. Gegen 13.00 Uhr haben wir endlich das Ziel Ramallah erreicht. Ein hupender Autokorso entpuppt sich jedoch nicht als Hochzeitsgesellschaft oder feiernde Fußballfans, sondern als eine Familie, die die Freilassung eines inhaftierten Angehörigen feiert. Aber zurück zu den Fakten: der Regierungssitz Ramallah ist circa so groß wie die Stadt Kassel, es gibt viele Neubauten, auch einige Stadtteile mit einem Anteil von 60 Prozent Christen, was in den Gassen auch zu spüren ist und insgesamt herrscht ein internationales Flair. Wir besichtigen das Palestine National Museum und das Grab Jassir Arafats, im Prinzip ebenfalls ein Museum, welches die Geschichte Palästinas zeigt. Unser Tipp: wenn jemand Ramallah besuchen sollte, nehmt euch Zeit für beide Gebäude, wenigstens drei Stunden, denn sie sind wirklich sehenswert. Am Abend gibt es dann noch ein exzellentes Essen in einem Restaurant, in dem meistens auch die ausländischen Politiker, die Ramallah besuchen, bewirtet werden. Wir können es unserem Doktoranden und seinem Cousin nicht ausreden, uns einzuladen. Aber der Abend ist nicht ungetrübt – auch der Verwandte von Adham (er ist 26 Jahre alt und von Beruf Architekt) verbrachte bereits drei Monate in einem israelischen Gefängnis, ohne dass ein offizieller Grund für die Inhaftierung vorlag. Den anschließenden Tee nehmen wir in einem Café ein, welches sich aufgrund der Aufmachung und dem Publikum auch bei uns befinden könnte. Unsere Unterhaltung fokussiert sich nun hauptsächlich auf das Thema was in unseren Kulturen anders und was gleich ist, was arabisch und was durch den Islam bedingt ist.

 

Der sechste Tag:

Auf dem Programm unseres letzten Tages steht eine Tour nach Bethlehem, sozusagen als Belohnung für unseren Einsatz. Dort wollen wir neben den Geburtskirche und der Stadt, die überraschend wenig Einwohner hat (nur circa 30.000), jedoch eine Art „Klein-Jerusalem“ darstellt (Jerusalem kennen wir ja bereits), wieder ein Flüchtlingscamp und ein Krankenhaus besichtigen. Der Weg an sich dorthin wäre kurz, doch ist er uns durch die Checkpoints und Mauern verwehrt. Daher müssen einmal um Jerusalem herum fahren und sind somit fast zwei Stunden unterwegs – und das für gerade einmal 20 Kilometer Luftlinie. In Bethlehem angekommen, drücken sich Menschenmassen durch die Kirchen. Wir können vorwiegend Russen, US-Amerikaner, Polen und Italiener ausmachen. In den Gassen hingegen ist es eher ruhig - der Samstag ist hier der Sonntag. Gegen 16.00 Uhr fahren wir durch das hiesige Flüchtlingslager. Politische Parolen sowie Portraits von Jassir Arafat zieren die Hauswände, die Häuser selbst scheinen ärmlich und die Zelte sind längst festen Bauten gewichen. Schnell wird es dunkel. Aufgrund des Feiertages verzichten wir auf den Besuch des hiesigen Krankenhauses; auch weil unsere Kontaktperson vor Ort von PalMed leider doch nicht aus Hebron anreisen konnte. Auf der Rückfahrt nach Ramallah geraten wir schließlich auch noch in einen langen Stau - und dann ist unsere Reise auch schon vorbei. Am nächsten Morgen werden wir um 4.00 Uhr im Hotel abgeholt, um dann gegen 7.00 Uhr mit vielen Eindrücken zurück nach Deutschland zu fliegen.

Unser Gefühl ist - es wird weitergehen.